Dienstag, 7. Februar 2017

Zu scheisse um wahr zu sein?

In diesem Beitrag geht es um Weltschmerz, Kim Kardashian und Humor.

Die Welt geht den Bach runter. In der Schweiz werden hochgradig rassistische Plakate der rechten Partei aufgehängt, die in ihrer Drastik so karikativ wirken, dass man sich fragen kann, ob das jetzt einfach nur purer Hass ist oder pure Dummheit oder schlichtweg - vermutlich - beides.
In Amerika regiert ein selbstverliebter Clown mit horrenden Absichten, in der Türkei ebenfalls und überhaupt, scheint irgendwie die ganze Welt kollektiv einfach nur noch in sehr kurzen, regelmässigen Abständen laut und leidend aufzuseufzen.

Ist das wirklich so? Wird alles immer schlimmer? Stehen wir bald vor dem dritten Weltkrieg? Wer weiss. Ich weiss nur: mir ist dieser ganze Leidensdruck zuviel. Wenn alles so scheisse erscheint, dass man gar nicht mehr anders kann, als sich scheisse zu fühlen, erhebt sich in mir ein Protestgefühl, das mir leise, aber aufdringlich zuflüstert: so schlimm kann's doch gar nicht sein. Irgendetwas muss doch gut sein oder besser geworden oder zumindest Anlass bieten, sich zu freuen. Vielleicht ist das ein reiner Überlebensreflex, vielleicht Zweckoptimismus, vielleicht grenzenlose Naivität. Wer weiss. Ich weiss es nicht.

Einsamer Soldat, irgendwo


Fakt ist: wir, die wir in sicheren Zonen leben, können natürlich alles mögliche sagen über den Zustand der Welt, ohne einen wirklich authentischen Eindruck von dem zu haben, worüber wir reden. Die meisten von uns wissen, wie sich Zahnschmerzen anfühlen, aber nicht, wie es sich anfühlt, mit einem Boot von Syrien her über den Ozean zu scheppern. Manchmal frage ich mich, ob wir uns überhaupt anmassen dürfen, unsere Ansichten über verheerende Umstände in andern Ländern in die Öffentlichkeit hinauszuplärren. Denn den meisten von uns geht es - objektiv betrachtet - doch einigermassen gut. Man kann sich aufregen, man kann es aber auch sein lassen. Finde ich. Oder es zumindest versuchen. Weltschmerz mit Freude bekämpfen statt mit Leiden. Irgendwie.

Bei Leuten wie, ich sag jetzt mal, Kim Kardashian, funktioniert das ja auch. Die lebt zwar unmittelbar in Trumps Terrorgebiet, aber irgendwie scheint sie ja trotzdem noch weiter fröhlich ihr Ding machen zu können. Okay, mit Kanye mag es nicht so gut laufen zurzeit, aber immerhin postet sie wieder Bilder auf Instagram, auf denen ersichtlich ist, dass es ihr einigermassen gut zu gehen scheint und auch ihren Himmelsrichtungenkindern. Von überdimensionalen Gesässaufnahmen ist auch keine Rede mehr. Irgendwie ja auch beruhigend. Oder? Nein, eigentlich nicht. Vielleicht geradezu beunruhigend. Aber eben: ohne irgendeinen Zugang von Notfallnormalität wären wir wahrscheinlich verloren. Ich zumindest. Und ich verfolge ehrlich gesagt lieber das Privatleben von irgendwelchen Promis, die nichts mit Politik zu tun haben, anstatt mir den Output eines Donalds reinzuziehen.

Linda B. aus G. lässt sich nicht entmutigen und arbeitet weiter fleissig an ihrer Bodytransformation.


Das Leben muss weitergehen. Der Frühling kommt. Ich habe keinen einzigen meiner Vorsätze eingehalten, aber irgendwie ist ja auch das beruhigend, zu wissen, dass Veränderung eben nicht erzwungen werden kann manchmal, dass man manchmal eben vielleicht einfach versuchen sollte zu akzeptieren, wie die Umstände sind, auch wenn sie scheisse sind - und sich vielleicht sogar zuzugestehen, dass es schlimmer sein könnte, und das nicht als Selbstbetrug anzusehen, sondern als gesunde Haltung.

Und was klingt wie ein komplett altbackener Beizengängerspruch oder zumindest etwas, das als Patentrezept nicht ernst genommen werden darf von seriösen Bürgern, finde ich doch eben wirklich: man kann auch versuchen, alles ein bisschen mit Humor zu nehmen. Man ist sich ja einig, dass Trump eine Witzfigur - wenn auch eine gefährliche - ist, also, warum nicht wirklich einfach mal nur herzlich lachen?
Ich weiss, wenn es um bedrohte Menschenleben geht, dann mag das Verb 'lachen' vielleicht sadistisch und unbedacht anmuten. Aber es würden ja auch weiterhin Menschenleben bedroht, wenn man heulen und sich echauffieren würde.
Mein Wutbudget zumindest ist begrenzt. Ich habe keine Energie dafür. Ich kann mich nicht über Kabelsalat ärgern, über die mängelhaften Akkukapazitäten meines iPhones und darüber, dass ich nachts nicht schlafen kann, und dann auch noch über jeden einzelnen politischen Misstand auf der Welt. Dafür habe ich nicht genug Akkukapazitäten. Deshalb bleibe ich dabei, es mit Humor zu nehmen. Und die Hoffnung nicht aufzugeben. Ich finde nämlich, dass die Welt insgesamt betrachtet eigentlich ganz okay ist. Und die Menschheit an und für sich auch. Wir haben es immerhin geschafft, über 2000 Jahre gemeinsam einen Planeten zu erhalten. Wir sind zwar dabei, diesen systematisch zu zerstören, aber noch ist es nicht so weit. Noch haben wir uns noch nicht selbst besiegt, und das ist doch eigentlich schon mal ein nicht ganz so schlechter Ausgangspunkt.

Dienstag, 27. Dezember 2016

Vorsätze

In diesem Beitrag geht es um Kommen, Gehen und Siegen.

Sich Vorsätze fürs neue Jahr zu machen ist eigentlich schon fast wieder so abgedroschen, dass man es eigentlich mal machen könnte. Um nicht ganz so ausgiebig im Klischeebad zu planschen, könnte man sie zur Abwechslung ja dann auch mal einhalten.

Ich habe mal ein bisschen zusammengesammelt, was ich 2017 umsetzen möchte. Folgende wären meine Vorsätze:

- 10 Kilo abnehmen, um dann mit dem Rauchen aufhören und durch die allgemein bekannte Ersatzhandlung NASCHEN wieder 10 Kilo zunehmen zu können, ohne eine Plusbilanz auf der Gewichtsskala zu haben

- Eine gute Antwort auf die Frage 'Warum?' finden

- Eine noch bessere Antwort auf die Frage 'Ist das wirklich passiert?' finden

- Nicht mehr alleine in der Öffentlichkeit herumfluchen, um nicht den Eindruck zu erwecken, ein alkoholisierter Clochard zu sein

- Tinder desinstallieren

- Nicht mehr mit meiner sogenannten Flugangst kokettieren, nur um dann beim Check-In als Erste genervt zu sein, wenn es nicht schnell genug geht

- Besser mit Komplimenten umgehen lernen

- Besser mit Kritik umgehen lernen (wahlweise weniger ernst oder ernster nehmen)

- Ein Aquarium zulegen (weil ich Fische wirklich mag und nicht nur ein Statement gesucht habe, zu dem gerade eine passende, aktuelle Zeichnung am Start war!)
... (und dann auch richtig schöne Tiefseepflanzen kaufen, nicht nur dieses dekorative Möchtegern-Unterwasser-Ikea-Zeug)







- Einen Monat vegetarisch leben, um mal wieder zu spüren, wie das ist, auf etwas zu verzichten, das man liebt



- Keine Fragen mehr stellen, deren Antwort einen nicht interessiert

- Endlich einen guten Witz erfinden (das versuche ich schon, seitdem ich ein Kind war - wie kann es so schwer sein, eine so kurze Erzählung zu erschaffen?)

- Lernen, tapfer und angstlos auf Leute zuzugehen, mit denen man aus irgendeinem Grund interagieren möchte

- Multitaskisches Verhalten endgültig aus dem Alltag verbannen und begreifen, dass die Dinge wirklich nicht schneller erledigt sind, wenn man sie parallel zueinander zu erledigen versucht

- Sich nie wieder etwas vornehmen, von dem man sich nicht sicher ist, dass man es einhalten möchte




Samstag, 5. November 2016

Das geistige Alter

In diesem Beitrag geht es um Reife, Sex und Seife.

"Man ist so alt, wie man sich fühlt", ist natürlich ein Satz, den sich nur Hohlköpfe trauen, laut auszusprechen, Leute, denen die natürliche Angst vor Allgemeinplätzen fehlt (ist doch eine natürliche Angst, oder!). Trotzdem ist es wohl wahr, dass man sich nicht immer so alt fühlt, wie man ist - was immer jedwedes Alter einem auch für Gefühle auftischen mag. Ich finde 24 ein schwieriges Alter. Man ist aus dem Gröbsten raus, aber noch nicht ganz darüber hinweg. Die Teenagerzeit nagt noch ein kleines bisschen an den Nerven und die Gedanken ans ganz-erwachsen-werden (so mit 30 oder so) lassen sich noch relativ einfach aufschieben.


Auch hin und wieder noch kindisch: Sandra Meier, 27, Bürokauffrau

Als Kind mochte ich Seife, die Tierformen hatte. Jetzt mag ich Seife, die aus dem Spender schäumt, als würde man Milchschaum aus einer Maschine pressen. Manchmal gehe ich in Einkaufscentern einzig und allein deshalb in die Toilette, um diese Seife auf meine Hände zu schmieren. Ist ja auch nicht gerade unkindisch.
Meine beste Freundin hat geheiratet - sie ist ein Jahr jünger als ich. Mein bester Freund ist 15 Jahre älter als ich und betreibt einen eigens lancierten Hobbyharem. Ist einer von ihnen nun weniger erwachsen als der andere? Je ne sais pas.
Unlängst hat mich an der Tramstation ein schätzungsweise 300 Jahre alter Mann zu einem Paartanz aufgefordert (ich glaube, er war nicht betrunken). Ich fand seine Dynamik zwar rührend, aber es war mir dann doch etwas unangenehm, zumal mein Knie seit Neustem höllisch schmerzt.



Als Kind gab es für mich nichts Schöneres als Eisstände. Heutzutage eigentlich auch nicht. Leider wurden die alle längst von Marroniständen abgelöst, welche ich noch nie leiden konnte. Mit 9 dachte ich, mit 16 hätte ich vielleicht schon einen Mann und Kinder. Das ist mir zwar nicht gelungen, dafür darf ich mir aber nun offiziell eingestehen, dass mir ein anderer Traum gelungen ist, und zwar den, ein Buch zu veröffentlichen. Okay, Publikationstermin ist der 1.3.2017, aber immerhin steht er fest. 

Ich bin glücklich! Und gleichzeitig verstört. Alles ging so schnell. Und wenn ich daran zurückdenke, dass ich erste Teile des Romans mit 19 begonnen habe zu schreiben, dann kommt mir das richtig seltsam vor, als stecke ich in einer Zwischenzeit oder würde auf ein anderes Ich blicken, das von einem andern Planeten aus irgendwelche Outputs in mein Leben streut und von mir verlangt, dass ich sie in meine Alltagsgestaltung einbaue. Irgendwie so. Oder auch anders. Jedenfalls bin ich auch nervös, denn ich weiss, dass viele Fragen auf mich zukommen werden. Viele Fragen über Sex. Vielleicht auch ein paar wenige über den Tod (um den geht es nämlich EIGENTLICH in der Geschichte). Vielleicht eine Frage zu Oskar.  Aber Sex, darauf muss ich mich gefasst machen, wird mir auf jeden Fall als Ausgangsinteresse vorgeworfen werden, und auch wenn ich hoffe und auch noch einigermassen zuversichtlich denke, dass ich das werde handeln können, werde ich mir doch vorab ein paar Gedanken darüber machen müssen, wie ich dem Ganzen begegnen werde.

Jänu. Kommt Zeit, kommt Rat. Ich zähle auf dich, 2017.






Freitag, 23. September 2016

Eine Sturzgeschichte

In diesem Beitrag geht es um Terrorismus, Tinder und die ewige Wiederkehr der Dinge.



Araban Akbar entschloss sich mit 23 Jahren zum Terrorismus, sprengte eine regionale Bank mit fünfzehn Menschen, inklusive sich selber, in die Luft und trat im Jenseits 72 Jungfrauen gegenüber. Albrecht Huber kaufte sich bei OBI zwanzig verschiedene Sorten Pflanzen und drei Säcke Bioerde und schaffte es nicht, seinen Garten so schön aussehen zu lassen wie der seines Nachbarn. Henriette Rinderknecht spielte zum sechsten Mal in ihrem Leben Lotto und gewann  zum sechsten Mal nichts, worauf sie sich zu einem Fitnesscenter-Abo entschied, von dem sie nur einmal - am gleichen Tag - Gebrauch machte. 

Bevor dies alles geschah, begegneten sich Araban, Albrecht und Henriette eines Tages an einer Busstation, deren Standort unwichtig ist. Zufällig standen sie alle drei zur selben Zeit an derselben Station und beabsichtigten mehr oder weniger zeitgleich, vom Ticketautomaten Gebrauch zu machen. Die beiden Herren einigten sich nach einem kurzen Blickwechsel offenbar stillschweigend darauf, dass sie beide Gentlemen waren, und liessen Henriette zuerst lösen.
Dies hatte zur Folge, dass Araban und Albrecht schwarz fuhren, denn was sie nicht wissen konnten, war, dass Henriette Ausländerin war und noch nie einen Ticketautomaten wie diesen hier bedient hatte und daher folglich sehr lange brauchte, bis sie ihren Schein in der Hand hielt.

Um es nochmal zu betonen: der Bus fuhr vor und alle drei stiegen ein, aber nur Henriette besass ein Ticket.
Und  natürlich kam es, wie es kommen musste: nach zwei Stationen schon stieg Jérome Sinclair ein, der von Berlin eines Tages hierhergezogen war, obwohl er lieber nach Montmartre zurückgekehrt wäre. Egal, jedenfalls hatte er sich in Deutschland zum Ticketkontrolleur umschulen lassen (falls es dafür überhaupt eine Umschulung gibt. Egal). Sinclair jedenfalls betrachtete die beiden Herren, die sich zufällig nebeneinander gesetzt hatten, mit einer Feindseligkeit, die man der Fairness halber als berufsbedingt bezeichnen sollte.

"Ticket?", wollte er von ihnen wissen. 
Araban und Albrecht blickten sich ratlos an. Araban dachte nicht an Jungfrauen, Albrecht dachte nicht an seine schlecht gedeihenden Pflanzen. Beide dachten nur: Mist, ich bin am Arsch, ich habe kein Ticket. Beide blickten zu Henriette, die seelenruhig in einem Buch blätterte, dessen Sprache die beiden Männer nicht kannten, und sich im übrigen mit dem Rücken zum Geschehen hingesetzt hatte, zufällig.


"Kein Ticket?", wollte der Busfahrer wissen. Araban schüttelte den Kopf. Albrecht hob vage die Schultern gen Ohren. 
"Also kein Ticket." Sinclair zückte ein elektronisches Gerät und begann darauf herumzustochern mit etwas, das man wohl irgendwie Pen nennen darf. Kurze Zeit später standen Araban und Albrecht mit identischen Busszetteln auf der Strasse und beschlossen im Stillen und jeder für sich, dass sie nie wieder Gentlemen spielen würden, schon gar nicht für ausländische Frauen, die ihnen keine Dankbarkeit zollten.

"Na dann", sagte Albrecht aus einem nicht wirklich klar identifizierbaren Impuls heraus zu Araban und klopfte ihm zusätzlich verabschiedend auf die Schulter. Araban wandte sich ab.



3 Jahre später stellte Araban fest, dass die Jungfrauen im Jenseits sich mehr dafür interessierten, die unter den Wolken liegenden Stromnetze anzuzapfen, um sich auf Tinder mit ihrer Jungfräulichkeit zu brüsten und nach reichen Amerikanern Ausschau zu halten als dafür, mit ihm ins Bett zu gehen. 
Albrecht sass daheim auf seinem Balkon, trank Limonade aus einer Kaffeetasse und spuckte eine Ladung Schleim auf einen Haufen Bioerde, der ihm eigentlich hätte zu Ansehen verhelfen sollen. Beide fühlten sich wie Versager. Und Henriette? Wer weiss. Vielleicht verliebte sie sich in den Busfahrer, aber das ist eher unwahrscheinlich, Henriette hasste Franzosen.

"Wer hinfällt, muss wieder aufstehen", las Albrecht in einem austauschbaren Buch. Wer steht, fällt um, dachte Albrecht. Araban las "Und dein Herr, Er ist wahrlich der Allmächtige, der Barmherzige" und fragte sich, für wen er gestorben war. 
Henriettes Schwester, deretwegen Henriette damals unter anderem das Fitnesscenter-Abo gelöst hatte, las in einem Magazin mit pinker Schrift, dass es sie nur fünf Schritte koste, um zum idealen Sommerpo zu gelangen, und wünschte sich drei Sekunden lang den schnellen, schmerzlosen Tod.
Es wurde Winter und anschliessend Frühling. 

Sonntag, 31. Juli 2016

Smoking kills

In diesem Beitrag geht es ums Aufhören, um Unerklärlichkeiten und ein mögliches, besseres (?) Leben

Ich versuche seit ungefähr 2 Wochen aktiv mit dem Rauchen aufzuhören. Okay, genau genommen versuche ich damit aufzuhören, seit ich damit begonnen habe, aber irgendwie geht das ja allen Rauchern so. "Ich weiss, es ist scheisse - eines Tages hör ich damit auch gewiss wieder auf", solche oder ähnliche Sätze sagen oder zumindest denken die allermeisten, die sich dazu bekennen, rauchende Menschen zu sein.



Aber der Moment, in dem wirklich das berühmte KLICK im Kopf eines Rauchers erklingt und er beschliesst, wahrhaftig den Rauchstop anzutreten, tritt meist nicht einfach so aus heiterem Himmel ein. Der Moment, wo man nicht mehr nur weiss, dass man eigentlich aufhören sollen wollte, sondern wo man wirklich will, dass man aufhören will. Raucher müssen also sozusagen erst einmal das Wollen lernen. Meine persönliche gedankliche Ausrede an mein schlechtes Gewissen war immer: "Ach, ich liebe Rauchen einfach viel zu sehr, sollen andere Menschen alt werden, das Qualmen gibt mir einfach sooo viel, ich kann mir nicht vorstellen, dass es als gesunder Mensch im Altersheim unterhaltsamer ist, mit anderen alten Menschen Brettspiele zu spielen, als dann halt tot und vom Krebs zerfressen unter der Erde zu liegen." Oder so ähnlich.

Natürlich ist das Quatsch. Aber nicht, weil Rauchen Spass macht - sondern weil es eben wirklich einfach rein gar nichts Unterhaltsames an sich hat. Mag sein, dass es in Raucherrunden unterhaltsamere Unterhaltungen gibt als unter jenen, die nichtrauchend im Innern eines Gebäudes zurückbleiben, aber dabei geht es ja, wer hätte es gedacht, nicht um die Kippe, sondern um die Personen, die an ihren Glimmstängeln hängen. Ich hab jedenfalls noch nie erlebt, dass eine Zigarettenschachtel ein Gesprächsthema vorgeben würde. Man müsste sich also eher mal mit der ernsthaft verstörenden Frage auseinandersetzen, weshalb Menschen, die gemeinsam rauchen, es einfacher finden, miteinander ungezwungen zu kommunizieren, als solche, die in der 10-Uhr-Pause lieber in der Mensa Darvida knabbern.

Ist Rauchen heutzutage überhaupt noch cool?


Jedenfalls: es gibt ungefähr tausend gute Gründe, mit dem Rauchen aufzuhören, und eigentlich keinen einzigen, damit anzufangen. Wie gesagt: Spassfaktor geht gen null. Man gibt einen Haufen Geld aus, um für jeweils knapp dreieinhalb Minuten (zumindest in meinem Fall, ich hab auch schon Leute gesehen, die es schaffen, 7 Minuten an einer Zigi herumzunuckeln) einer Beschäftigung nachzugehen, die keinen andern Zweck erfüllt, als sich giftigen Dunst in die Mundhöhlen zu saugen und den von da aus schön in die Lungen zu ziehen. Und trotzdem ist Rauchen die weltweit verbreitetste Sucht überhaupt. Gut, sie ist auch legal. Aber alles andere macht wenigstens Spass. Vermutlich ist es genau deswegen nicht verboten. Okay, Alkohol gilt auch als legales Rauschmittel, doch wird man, wenn man sagt, man sei Alkoholiker, wesentlich abwertender angeschaut als wenn man zugibt, Raucher zu sein.

Alan Warren hatte recht: Rauchen ist wie Wandeln in einem bizarren Labyrinth, bei dem man die ganze Zeit den Ausweg sucht und sich fragt, wie man da eigentlich reingeraten ist und warum man schon so lange darin herumirrt.
Ich persönlich glaube ja, ein grosses Problem ist die Flexibilität des Rauchens. Als Raucher verbindet man nämlich plötzlich nahezu ALLES mit Zigaretten. Diese Tramhaltestelle - rauchend warten. Mein Balkon - rauchend lesen. Parkbänke - rauchen. Zug hat Verspätung - rauchen, rauchen, rauchen. Rauchen geht beinahe überall und somit hat es das Suchtgedächtnis natürlich besonders schwer, diese grundsätzlich hochgradig idiotische Tätigkeit von der Umwelt zu deassoziieren.

Man muss es irgendwie schaffen, den Blick auf die Dinge zu ändern, oder besser noch: die Wahrnehmung der Dinge, die der eigene Blick trifft. Aber wie ändert man die eigene Wahrnehmung? Wo sind Jung & Co., wenn man sie braucht? Haben die eigentlich geraucht? Ach, was soll's. Momentan weiss ich - wie vielleicht unschwer festzustellen war - gar nicht, ob ich für einen endgültigen Rauchstop wirklich bereit bin. Irgendein trotziger Teil in mir motzt nämlich immer noch: "Na und, was soll das Theater, dann bist du eben süchtig, scheissegal, acht Franken für ein Zigipäckchen gehen doch eh immer, Hauptsache, Hände und Mund können endlich wieder ihrer gewohnten Beschäftigung nachgehen."
Andererseits bin ich wirklich an dem Punkt, wo ich wollen will. Ich will nicht mehr rauchen wollen, und das ist doch immerhin schon mal etwas. Die Konsequenzen sind mir nicht egal, im Gegenteil, ich untersuche meine Mundhöhle redelässig auf erste Krebsanzeichen und wäre tödlich beunruhigt, wäre ich auf einmal konstant heiser. Ich hasse es, dass ich nebst all meinen ernsthaft coolen Süchten (Sport, Musik, Freiheit, ääähm) noch diese unspektakuläre, nervige Rauchersucht haben muss, die ich mit jedem Dorftrottel und Bahnhofsjunkie zu teilen habe und für die man sich trotz allem noch nicht einmal vor der Gesellschaft zu rechtfertigen braucht! Nein, man steht als Raucher komplett alleine da, gänzlich auf sich selber gestellt, niemand kommt vorbei und zwingt einen, eine Rehab zu machen, und man muss entscheiden, was man walten lassen will: Selbstdisziplin oder Selbstliebe, um aufzuhören mit dem Smoken, eigentlich wäre das zweite ja die schönere und auch richtigere Lösung, zu erkennen, zu fühlen, dass es einem eben wirklich nun einmal einfach nicht gut tut!

Hach. Ich mache nachher einen Spaziergang. Und zünde vielleicht etwas an. Keine Zigarette, aber eventuell einen Feuerwerkskörper, den ich einem übermotivierten Kind stehle. Aggressiv und rücksichtslos macht das Nicht-mehr-Rauchen nämlich auch. Aber wenn ich es tatsächlich schaffen sollte, aufzuhören, kann ich ja das ganze Geld, das in Zigaretten geflossen wäre, nächstes Jahr an diesem Tage in Raketen investieren und die aus Karmagründen einem Kind zurückgeben. Bis dahin sollte der Groll schliesslich überwunden sein. Und ausserdem: was hätte ich mir für einen besseren Tag aussuchen können als den Schweizer Nationalfeiertag, um meiner Leiden schaffenden Eigenschaft einen Schlusspunkt zu setzen? Jetzt, wo wir ne neue Hymne haben! Feuertrunken, das gibt's ab heute nicht mehr. Hurray.


Samstag, 2. Juli 2016

Krank

In diesem Beitrag geht es um...ich weiss es nicht. Vermutlich um noch weniger als sonst.

Krank. Was genau soll das sein? Geht es um hohes Fieber? Reicht ein Kopfschmerz? Ein vages Herzflattern? Das Gefühl, dass etwas falsch läuft im eigenen Hirn? Falsch ist vermutlich das richtige Wort. Etwas stimmt nicht. Man fühlt sich, man weiss nicht wie, aber jedenfalls reicht es nicht für gut. Und blickt man sich um und sieht in fremde Gesichter, merkt man: ja, denen geht es anders. Die sind vielleicht fett, tragen seltsame Hosen und hören Scheissmusik, aber die haben keine Probleme. Beziehungsweise, noch schlimmer: sie machen sich aus dem, was sie erleben, keine Probleme. Ihre Herzen bleiben gesund und lassen sich nicht von irgendwelchen suspekten Erlebnissen mit einem zermürbenden Schmerzvirus infizieren.

Die allgemeinen Meinungen zum Umgang mit Krankheit gehen in die unterschiedlichsten Richtungen. Die einen sagen: auskurieren, Wasser trinken, Klappe halten, andere finden, man sollte sich mit der Krankheit auseinandersetzen und am besten drei Ratgeber zum Thema lesen und meditieren, wieder andere zucken einfach mit den Achseln, plädieren für Medikamente und eine ehrgeizige Arbeitsmoral.

Ich habe es mit allem versucht und bin mir nicht sicher, ob irgendetwas geholfen hat. Ausser Musik. Ich wünsche allen, denen sich heute ebenfalls mehrmals schon der Magen umgedreht hat, von Herzen eine gute Besserung.

 


Samstag, 4. Juni 2016

Bedingungslos existenzberechtigt

In diesem Beitrag geht es um die morgige Volksabstimmung in der Schweiz, um Zeit und um Thom Hartmann.


Passt als Einstiegsbild nur bedingt, aber egal: nicht immer laufen die Wege parallel


Morgen ist es soweit. Der Tag ist gekommen, den so viele mit spöttischem Grinsen und ironischen Sprüchen erwartet haben. Andere blickten ihm mit zurückhaltendem Respekt entgegen, anderen war es scheissegal. Manche sehnen ihn mit missionarischer Begeisterung herbei, einige mit mutlosem Zweckoptimismus à la "Ich habe ja Ja gestimmt, aber angenommen wird die Initiative eh nicht."
Vermutlich stimmt das. Vermutlich sind 'wir' nicht bereit. Doch was soll das genau heissen? Welches 'Wir' ist nicht bereit? Die Akteure des Wirtschaftssystems? Die verkorksten Bünzlis aus dem Appenzell? So genau lässt sich das wohl nicht sagen. 

Fakt aber ist wohl, dass diejenigen, die GEGEN die Initiative argumentieren, mit Sicherheit NICHT bereit sind für deren Umsetzung. Und wenn diese Menschen in der Mehrzahl sind, wird die Initiative halt folglich einfach erwartungsgemäss abgelehnt, und dann wird das zum jetzigen Zeitpunkt wohl auch gut sein so. Dann wird es vermutlich weitergehen wie bislang und die sogenannten Veränderungen in diversen Systemen mit PR-tauglichem Optimierungsanspruch werden in kleinen, überschaubaren Rahmen stattfinden. Wahre Reform lässt dann wie gehabt auf sich warten oder, wahrscheinlicher, schafft sich demnächst selber ab. Das Interesse an wahrer Reform verliert sich immer mehr. In einer Zeit, wo wir eigentlich Erneuerer, Erfinder und Revolutionäre bräuchten, werden unsere sozialen Systeme immer intoleranter und härter in Bezug auf Unterschiede und Variationen. 
Im Hinblick auf diese Tatsache sehe ich tatsächlich wenig Sinn darin, den Leuten, die das nicht begreifen, Geld vor die Füsse zu werfen. Solange der Anspruch, das Bildungssystem zu ändern, noch nicht vorhanden ist, bringt diese gut gemeinte Einkommensreform meiner Meinung nach tatsächlich wenig - aber nicht nichts.

Der Notausgang: Weg versperrt. Aber in Sichtweite.

Das sehen selbst die meisten Befürworter so: die Zeit sei noch nicht reif. Allerdings frage ich mich dann doch auch wie angetönt bei genauerer Überlegung: why eigentlich not? Warum nicht mal bei C anfangen statt bei A? Okay, das Schulsystem hinkt meilenweit hinter den revolutionären Ansprüchen hinterher, die Politik natürlich auch, aber warum nicht mal einfach ein paar dieser dringenden Verbesserungsansätze überspringen? Üblicherweise beginnt man beim Züchten einer Pflanze damit, Samen in die Erde zu setzen. So stellt man sich das auch mit grossen verändernden Massnahmen im Sozialsystem vor. Aber könnte man die aktuelle Initiative nicht auch so sehen, dass man wenigstens hoffnungsvoll versucht, Erde zu giessen, auch wenn noch nichts aus den Samen an die Oberfläche gedrungen ist? Manchmal wachsen kleine Pflänzchen aus dem Boden, von denen man kaum versteht, woher sie kommen. Wer kennt das nicht: man pflanzt einen Zitronenbaum und plötzlich wächst da daneben fröhlich eine Blume vor sich hin, die man noch nie zuvor gesehen hat. 

Vielleicht kann das bedingungslose Grundeinkommen zum jetzigen Zeitpunkt kein Umdenken erzeugen, aber in ein paar Jahren. Die Umstände verändern um die Gedanken zu verändern, learning by doing quasi. Viele Kritiker argumentieren damit, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen per se einfach nicht finanzierbar sei. Und das stimmt auch in ihrem Weltbild, weil ihre Argumente sich auf Institutionen wie Rente, Krankenkassen etc. stützen. Solange unsere Gesellschaft weiterhin nach diesen fragwürdigen Systemen reguliert wird und keine höheren Ideale vorliegen, scheint es unumgänglich, dass finanzielle Lücken entstehen und die Geldverteilung nicht wirklich aufgeht. Und da ich persönlich wenig Hoffnung habe, dass diese eingefleischten Pseudo-Rationalisten jemals ihre Vorstellungen aufgeben werden, hege ich auch wenig Hoffnung in Bezug auf die Durchsetzung der BG-Initiative. 

"Der Zucker kommt nicht einfach so geflogen, ich gehe jetzt arbeiten, Henri."

Kulturen - da stimme ich Hartmann voll und ganz zu - denen es an der Fähigkeit und am Willen mangelt, grosse Veränderungen vorzunehmen, werden Ärger bekommen. Innerer Zerfall steht bevor, aber den Akteuren der Anti-Reform ist das egal, weil ihnen anscheinend nur der Zeitraum wichtig ist, in dem sie als Menschen auf dem Planeten Erde zugegen sind. Die Bequemlichkeit vermag in diesen Fällen ein Menschenleben auszufüllen. 

Spiritualität zählt heute nicht mehr in unserer Gesellschaft, was ich als immenses Problem sehe. Niemand sollte dazu angehalten werden, sich spirituell zu verhalten, wenn er sich nicht dazu berufen fühlt - aber das kontinuierliche Ausmerzen durch Belächeln und Ignorieren der wichtigen Gabe der Intuition spiritueller Menschen zeigt im Grunde einfach nur auf, wie wenig unsere Zeit für Individualismus übrig hat. Und dass Individualismus wichtig für das Überleben einer Gesellschaft ist, das hat sich in der Geschichte mehr als genug gezeigt. Ob Benjamin Franklin oder Thomas Edison - sie alle waren sogenannte Querdenker, die Fortschritte bewirkt haben, die mit der monotonen Ideenverwaltung anderer Stromschwimmer nicht stattgefunden hätte. 

Wenn eine so grossartige Initiative wie die des bedingungslosen Grundeinkommens nicht durchkommt, dann ist das für mich lediglich ein weiterer Beweis dafür, dass es sich lohnt, nicht immer mich selber zu hinterfragen, sondern die andern. Insofern wäre ich vielleicht sogar ein bisschen dankbar, wenn die Mehrheit Nein stimmte. 

Des einen Freud, des andern Leid: alle Menschen sind Helden, der eine im Zelt, der andre in der Villa, der andre auf der Welt.






Dies ist der Blog von Laura Wohnlich. Sie schreibt, macht aber auch andere Dinge. Auf diesem Blog geht es um Kunst, Literatur, Poesie, Politik und ganz gerne auch mal einfach nur darum, die Seele baumeln zu lassen. Auf diesem Blog geht es darum, "den Helden in sich zum Vorschein zu bringen". Man kann noch lange darauf warten, dass Hero auf irgendwas angeritten kommt und einem das Leben zurechtrückt. Sei dein eigener Held und reiss dem Deppen der glaubt, er wisse es besser als du, die Zügel aus der Hand!